Übergangsjacke


Als Kind habe ich sie über alles geliebt. Sie war blau, gesteppt mit orange farbenen Nähten und goldenen Knöpfen. Wenn der Sommer vorbei, es aber noch nicht Winter war, wurde es Zeit für meine Übergangsjacke. Ich liebte meine Übergangsjacke und die Dinge, die ich mit ihr erlebte. Mit Anlauf in Pfützen springen, Kastanien sammeln, daraus Tiere basteln, bunte Blätter in dicken Katalogen pressen. Aus meiner blauen Jacke bin ich schon lange rausgewachsen und Tiere aus Kastanien bastel ich auch nicht mehr. Dafür habe ich nun Übergangsmänner in meinem Leben. Die halten auch warm. Beziehungen mit Übergangsmännern stehen für Beziehungen, auf die man sich zügig nach einer Trennung einlässt, obwohl die alte noch nicht vollständig verarbeitet wurde. Sozialpsychologen raten dazu. Mit der neuen Liebe sei es leichter alte Erinnerungen zu vergessen und neue Erlebnisse zu schaffen. Singles seien weniger depressiv und das allgemeine Wohlbefinden steigt. Allerdings ist es wie bei der Übergangsjacke, auch mit den Übergangsmännern. Nach einer kurzen Saison müssen sie wieder zurück in den Schrank. Ich habe das Gefühl nach meiner letzten Beziehung habe ich mir eine kleine Kollektion an Übergangsjacken zugelegt. Die ein oder andere habe ich schon wieder umgetauscht oder weggeben. Manchmal ist man im Kaufrausch und stellt hinterher fest, dass die neue Übergangsjacke doch nicht zum Kleidungsstil passt. Neu in meiner Kollektion ist das Modell "Wedding". Es erinnert mich an den Brauch "Etwas altes, neues, gebrauchtes und blaues". Er ist älter als ich, neu in meinem Leben, blau, wenn wir uns sehen und gebraucht, da er bereits verheiratet war und zwei Kinder hat. Meine erste Reaktion darauf war übrigens "Scheiße". Nicht höflich, aber ehrlich. Secondhand Kleidung mit bunten Bommeln, ich weiß nicht, ob mir das steht. Allerdings gefiel mir die Jacke auf den ersten Blick ganz gut. Sie passte, fühlte sich gut an und roch nicht nach minderwertigen Chemikalien. Ich muss gestehen, dass ich bei dem kleinen Schaufenster Bummel ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Pizzamann hatte. Mein Gewissen beruhigte sich allerdings kurze Zeit später, als er mir etwas am Laptop zeigte und ein blinkendes Fenster ihm aufdringlich eine neue Tinder Nachricht signalisierte. Ich hab das Gefühl mit dem Pizzamann ist es ein auf und ab. Er ist ein bissschen wie die Hose, die zu klein geworden ist und ber der man hofft, dass sie irgendwann wieder passt. Weihnachten. Kritische Phase für Singles, möchte man meinen. Meine Mutter hat mich im Laufe des abends fünf Mal gefragt hat, wann sie Enkelkinder bekommt. Ich bin Einzelkind, d. h. die Forderung wurde undiskret direkt an mich gestellt. Von meiner Oma musste ich mir anhören, was für ein attraktiver Typ mein Ex doch war. Ich zeigte ihr dann Tinder. Sie war begeistert und fragte mich schon fast mit Ehrfurcht in der Stimme, woher ich denn alle diese Männer kenne. Bis sie mir erklärte, dass früher nicht einfach nur alles besser, sondern auch die Männer viel hübscher waren. Über Tinder habe ich dann mit dem Modell "Wedding" geschrieben. Er saß allein in seiner frisch renovierten Wohnung und hatte gerade eine 8-wöchige Liaison beendet. Ich saß mit meiner Familie am großen Esstisch und bemerkte, dass wir einen Stuhl zu viel hatten. Wir scherzten darüber wie es wäre, wenn er einfach vorbeikommt und ich ihn als meinen neuen Freund vorstelle. Er bot auch an eine Flasche Champagner mitzubringen. Konnte mich nicht überzeugen. Irgendwie hat mich das Ganze vielleicht ein bisschen zu sehr an "Mein neuer Freund" mit Christian Ulmen erinnert und das wollte ich meiner Familie nicht antun. Wobei sich dann auch die Fragen meiner Mutter bzgl. der Enkelkinder erledigt hätten. Es war ein wunderschöner Abend. Wir haben viel gegessen, getrunken und gelacht und ich habe mich ganz wundervoll geliebt gefühlt. Besonders schön war es zu sehen, was für eine liebevolle Beziehung meine Eltern miteinander haben. So wünsche ich mir das auch. Die zwei kennen die Macken des anderen wie kein anderer und lassen sich ihren Freiraum. Sie schätzen sich, sind Komplizen im Alltag, Kollegen auf der Arbeit und ein gutes Team in jeder Problemlage. Der Cousin meines Vaters, seit kurzem geschieden, merkte an, dass das vielleicht einfach etwas ganz besonders bei sei. So nicht, mein Lieber! Das sind auch meine Gene, dachte ich mir und fuhr um halb drei Uhr nachts hochmotiviert zum Pizzamann. Natürlich samt Weihnachtsgeschenk. Ich muss gestehen, dass Geschenke eine magische Wirkung auf mich haben. Ich liebe es zu schenken, aber auch Geschenkpapier aufzureißen. Auch nach all den Jahren schaffe ich es noch nicht, mich in Geduld zu üben. Ich verstehe die Leute nicht, die alles fein säuberlich und langsam auspacken und das Geschenkpapier am Ende ordentlich falten . Als ich dann beim Pizzamann war dachte ich, dass wir die Geschenke austauschen würden. So lief es auch mit dem Ex. Der hatte aber auch jahreslanges Training mit mir und meinem Wahn. Da wurden Geschenke in riesengroße Kisten verpackt, eine Schnitzeljagd in der Wohnung veranstaltet, 1000 Mal in Geschenkpapier eingewickelt und im Bett versteckt. Aber das weiß der Pizzamann ja nicht. Ich war kurz davor mir noch eine Schleife anzuziehen. Allerdings habe ich mich dann ungeduldig in den Schnüren verheddert und es gelassen. Zum Glück. Ich glaube an dieser Schleife klebt Pech. Als ich sie bei meinem Ex ausprobiert habe konnte er sich vor lachen nicht mehr halten und kurze Zeit später lag ich beleidigt, samt Schleife, schnarchend in seinem Bett. Da lag der Pizzamann auch. Im Bett. Noch nicht beleidigt und schnarchend, aber müde. Auf meine Bitte doch wenigstens fünf Minuten das Geschenk auszupacken erklärte er mir, dass das jetzt nicht ginge, weil er es nicht genügend wertschätzen könne. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wenn er einer von den ordentlichen Geschenkpapierfaltern wäre ok, aber jemand, der einfach so bis zum nächsten Morgen warten kann?!? Und ich dann auch??? Dann habe ich mich neben ihn gelegt. Und mich plötzlich so furchtbar allein gefühlt und irgendwie unverstanden. Was mache ich hier eigentlich?!? Hellwach neben einem Mann im Bett, der einfach so bis zum nächsten Morgen mit dem Auspacken warten kann. Und der gar nicht weiß und merkt wie wichtig mir das eigentlich ist. In dem Moment war mir, wie noch nie zuvor, bewusst wie anstrengend es auch sein kann, sich auf eine neue Person einzulassen. Daraufhin habe ich mich angezogen und bin gegangen. Nicht die beste Idee, aber so viel Spaß es auch macht die neue Übergangsjacke zu kombinieren, manchmal will man sich einfach wieder in den alten löchrigen Wollmantel kuscheln, weil man wie weiß wie der wärmt. Nebenbei habe ich mir für 2018 einen Vorsatz gefasst: von Kleidungsstücken, die mir nicht mehr stehen, nicht passen oder mich unvorteilhaft erscheinen lassen werde ich mich zügig trennen. Naja wie auch immer, zur Zeit ist Sale, vielleicht schaue ich da nochmal nach weiteren Übergangsjacken...


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