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Mama, Papa, es ist alles gut, ich bin kein Pastafari!

May 6, 2019

 

Manchmal bin ich nicht ganz bei mir und nehme Glaubenssätze und Ideale von anderen Menschen an, dann fühle ich mich klein und unsicher. So bin ich ich nicht und ich weiß dann, dass etwas passieren muss.

Ich habe es mit Yogastunden versucht. Prima Idee! Mitten im Dschungel im "herabschauenden Hund" zu mir selbst zu finden. Ich sah eher aus wie ein sich windender, trauriger Straßenköter. Und dieser Blick auf meine Knie! Ich hatte bisher den Fokus auf Bauch, Beine, Po gelegt und nicht die leiseste Ahnung, dass meine Knie die wahre Problemzone meines Körpers sind. Die stellten sich nämlich als stark botoxbedürftig raus. Pah, wenn das mal reicht. Ich habe keine Schlupflieder, ich habe Schlupfknie!  

 

Nebenbei war das Yogastudio offen, was nicht nur mir die Möglichkeit gab zu mir selbst zu finden, sondern auch den 3000 Moskitos, die sich selbst beim Anblick meiner Knie nicht davon abhielten ließen mir ein Mandala auf den Rücken zu zaubern. Um den Mückenstich zu erreichen, der genau da sitzt, wo mein BH aufhört und mein kleiner Finger gerade noch hinkommt brauche ich definitiv noch weitere Stunden. 

 

Viel Schlaf und ein Buch über Glück, das war mein nächster Plan. Das Buch war so langweilig, dass das einzige was es mir gebracht hat schlechte Laune war. Auch mit Ted Talks habe ich mich herumgeschlagen, bis ich eingeschlafen bin. Aufgewacht bin ich von einem "What I eat in a day, hihihih"- Video. Content, der die Welt bewegt! Es interessiert mich nicht die Edamamebohne, was ein Fitnessmodel an einem Tag verspeist hat und wie viele Mikros, Makros und Mirkos dabei waren. Nachdem das alles nichts gebracht hat, sah ich nur noch eine Möglichkeit -mich mit der Ursache auseinanderzusetzen! 

 

Einige Menschen werden nicht müde mir zu sagen was ich in meinem Leben falsch mache, was ich machen sollte, was mir noch fehlt, was alle anderen richtig machen bla bla bla. Es ist ein bisschen, als würden sie die Torschlusspanik, die sich bei mir nicht einstellen will, für mich bekommen. Klingt erstmal ganz nett, wenn die anderen meine Sorgenfalten übernehmen. Könnte man da noch was mit den Kniefalten arrangieren, vielleicht...bitte? 

Was sie dann sagen, ist mal mehr und mal weniger nett, und mal mehr und mal weniger als gut gemeinter Ratschlag verpackt. Ich muss mir anhören, dass mein Ex jetzt alles erreicht hat und super toll war. Der ist gerade Vater geworden und hat sich verlobt. Ist ein Kind alles was man erreichen kann? Haben die Wollnys alles erreicht? Ist das das Nirwana meines sozialen Umfelds? ACHT Kinder plus RTL2-Reality-TV-Show. Wow. Für meinen Geschmack haben die das Samsara (Kreislauf der Wiedergeburten auf dem Weg ins Nirwana) dabei etwas zu wörtlich genommen.

 

Das ist aber nicht alles. Ich bekomme auch zu hören, dass ich keinen richtigen Job habe, nie wieder einen haben werde (irgendjemand wird sicher auch gesagt haben, dass ich noch nie einen hatte). Wann ich mal wieder nach Deutschland will? Was tue ich da nur meinen Eltern an? Warum ich studiert habe? Ob ich tatsächlich selbst glaube, dass ich mich je wieder in Deutschland einleben könnte? Warum ich keinen vernünftigen Mann treffe? Dass ich die richtig tollen Männer nur in Deutschland daten könne, dass meine Haare nicht gut aussehen. Ich bin zu chaotisch. Wann ich endlich mal wieder ein richtiges Leben haben will? Eine richtige Beziehung? Wann bekomme ich Kinder? Wie sieht es mit heiraten aus? Und was ist eigentlich mit meinem Nachsendeantrag und der Altersvorsorge?!?

 

Wenn ich das jetzt selbst so lese, könnte man meinen ich hätte mich irgendeiner verantwortungslosen wilden Sekte angeschlossen. Den Pastafaris oder so und würde denken der Auslöser der globalen Erderwärmung ist die sinkende Anzahl an Piraten. Dabei habe ich mich einfach nur dafür entschieden mein zu Hause, für einen unbestimmten Zeitraum, in verschiedenen Ländern zu sehen und von dort - wenn auch mit einem wirklich mickrigen Gehalt - zu arbeiten. Ich mache also nichts, was nicht auch schon andere gemacht haben.

 

Es ist also alles gut. Wo wir gerade bei "gut" sind! Eine Sache, die ich an den Pastafaris gut finde ist, dass die ihre 10 Gebote in acht "Am liebste wäre mir..." verpackt haben. Ich sinniere noch drüber wie mein Leben als Pastafari aussehen würde und kreiere gleich zwei weitere Glaubenssätze: "Am liebsten wäre mir, wenn du nicht annehmen würdest, dass Dinge, die für dich richtig sind, auch für mich gelten!" Weil ich gerade in Pastafari-Stimmung bin direkt noch einen für mich selbst: "Am liebsten wäre mir, wenn du nicht auf die anderen hören würdest, sondern auf dich selbst!"

 

Denn das zehrt an mir. Noch bevor ich mich selbst fragen kann, ob ich glücklich bin, fange ich an meine Entscheidung in Frage zu stellen. Mich zu rechtfertigen. Fange an zu glauben, dass ich tatsächlich nur Mist mache, weil alle anderen machen es ja anders und anders, als alle anderen sein - ist das gut? Es wäre auf jeden Fall eine Möglichkeit, die man in Betracht ziehen sollte, aber dafür braucht man einen Funken Mut.

 

Bin ich mutig? Oder doch eher leichtsinnig? Ist das alles eine ganz ganz dumme Idee? Womöglich noch viel schlimmer als ein Leben bei den Pastafaris? Werde ich später einsam auf einer Insel stranden und mich von herabfallenden Kokosnüssen ernähren müssen? Mit vom Wetter gegerbtem Gesicht, ausgemergelt, ohne Zähne und sozialem Umfeld? Hänge alte Planen auf, um Regenwasser in Trinkwasser zu wandeln. Warte auf einen schleichenden qualvollen Hungertod, weil ich nicht in der Lage bin mit einem selbstgebauten Speer zu fischen? Und das alles nur, weil ich diese eine Entscheidung getroffen habe? Wo zieht man die Grenze zwischen Mut und Dummheit? Ich setze mich jetzt mal an den Roulettetisch der menschlichen Eigenschaften und setze alles auf Mut! Ich wurde zwar nicht besonders mutig erzogen, aber ich würde behaupten (abgesehen von Dingen, die mit Tauben und tiefem Wasser zu tun haben) bin ich das und deshalb horche ich jetzt einfach mal in mich hinein. 

 

Ich bin sehr zufrieden und sehr dankbar für die Möglichkeit, die ich gerade habe. Morgens wache ich auf und bin glücklich. Heute Morgen wurde ich vom Hahn geweckt. Mein Nachbar. Um halb sechs. Es hat mich nicht einen Funken gestört. Wenn in Berlin meine Nachbarn morgens um halb sechs krähen würden, dann würde ich wutentbrannt bei denen vor der Tür stehen. Die Polizei rufen, mir Ohropax in die Ohren stecken und anschließend hoffentlich den Genuss von Rauschmitteln überdenken. Vielleicht ist das etwas übertrieben, aber die Ohropax-Sache ist eigentlich keine schlechte Idee. Wenn ich mir Ohropax in die Ohren stecke, dann kann ich besser auf mich selbst hören und weniger auf die Leute, die mich mit ihrer "richtigen" Lebensvorstellung von meiner abbringen wollen.

 

Ich weiß, dass nicht jeder der mir solche Dinge sagt oder fragt etwas Böses will. Besonders dann, wenn meine Eltern Einwände bringen, weiß ich, dass sich Sorge und Sehnsucht immer wieder einmischen. Ich glaube auch, dass es hin und wieder gut ist, Dinge in Frage zu stellen und zu überlegen, ob der Weg noch richtig ist. Der ein oder andere würde sich in meiner Situation vermutlich wirklich den Kopf darüber zerbrechen, ob er jemals wieder einen Job in Deutschland findet? Andere würden sich mit der Sorge verrückt machen mit 30 weder Ehering noch Kind geschweige denn Partner in Aussicht zu haben und könnten die Zeit gar nicht genießen. Ich würde mir nur wünschen, dass all diese Menschen einmal ganz kurz stoppen und mich fragen, ob ich glücklich bin? Wenn ich dann mit "Nein" antworte, können sie gern ihre Lebensweisheiten und Vorstellungen auspacken, wie ich es besser und richtig machen könnte.

 

Aber was ist eigentlich richtig? In Deutschland ist "richtig" einen gut bezahlten Job zu haben. Mit einem Titel, in dem auf jeden Fall das Wort "Manager" von irgendwas drin vorkommt. Einen BMI zu haben, der nicht über 26 liegt, dafür aber einen 1er BMW. Eine glückliche Beziehung mit 2-3 x Sex pro Woche, mindestens ein perfektes Kind -am besten zwei (Emma und Ben). Gern auch eine Einfamilienhaushälfte oder eine Eigentumswohnung. Zwei mal im Jahr Urlaub, eine private Rentenversicherung und am Sonntag Kaffee und selbst gebackener Kuchen mit der Familie. Die eigene Yogamatte von lululemon plus nachhaltiger Lebensstil sind dann die Fleißbienchen bei denen, die wirklich alles "richtig" machen. 

 

In Bhutan leben die glücklichsten Menschen der Welt. Ob da #happyme entstanden ist? Ganz ohne 1er BMW und lululemon Yogawear besitzen die Menschen dort die Frechheit glücklich zu sein. Kinder lernen in der Schule "Glückskompetenzen". Das sind Achtsamkeit, Empathie, Kommunikation, Konfliktmanagement und Meditation. Die äußeren Bedingungen für Glück sind soziale Gerechtigkeit, kulturelle Freiheit, juristische Gleichberechtigung und ökologische Nachhaltigkeit. Nebenbei bemerkt sind dort Plastiktüten seit 2008 verboten, lässt entfernt darauf schließen, dass die Menschen dort zwar glücklich, aber nicht dumm sind. Lässt aber auch darauf schließen, dass "richtig" und "glücklich" nicht unbedingt eine Gleichung ergeben müssen. 

 

Kurzerhand beschließe ich einen Flug zu buchen. Ich weiß, dass es mit dem Visum dort nicht leicht ist und merke schnell, dass das im Gegensatz zu einen Hinflug finden ein Klacks sein muss. Wenn schon kein Flug, dann wenigstens irgendeine inspirierende Quote, denke ich mir und stoße auf die Worte von Paul Coelho:

 

"Haters do not really hate you. They hate themselves, because you are a reflection of what they wish to be". 

 

Das wäre doch mal ein guter Satz für die Weihnachtskarten in diesem Jahr. Eine Person, die diese Karte mit Sicherheit nicht bekommt ist eine wunderbare Freundin, die sagte mir nämlich, dass ich machen sollte was mir gut tut und ich mich einfach selbst lieb haben sollte! Weil sie weiß, wie glücklich ich gerade bin. Vielleicht auch, weil sie weiß, dass nicht immer alles so easy peasy war und auch weil sie weiß, dass ich nicht den Pastafaris angehöre. Mir selbst schicke ich am besten auch gleich eine Weihnachtskarte: 

 

"The only rule is don't be boring and dress cute wherever you go. Life is too short to blend in." 

 

Das ist zwar nicht von Paul Coelho, aber von Paris Hilton und die muss es ja wissen. Schließlich hatte sie was mit Cristiano Ronaldo und Nick Carter. Das nenne ist mutig! Meinen Eltern kann ich nur mitgeben, dass alles gut ist, ich bin nämlich weder wie Paris Hilton in einem öffentlichen Sextape zu sehen, noch ein Pastafari, sondern nehme mir nur gerade einfach eine Auszeit auf unbestimmte Zeit, von "richtig". 

 



 

 

 

 

 

 

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