Esszimmerstühle


Jeder Mensch trifft im Durchschnitt pro Tag 20.000 Entscheidungen. So auch ich. Seit fast 32 Jahren. Das sind rund 233600000 Entscheidungen insgesamt. Ok, ich habe als Kind vielleicht weniger entschieden. Selbst wenn ich die Hälfte davon abziehe, dann bleiben noch 116800000 übrig. Wenn man etwas schon 116800000 Mal gemacht hat, dann sollte man eigentlich als Experte gelten oder?

Müssten wir alle dann nicht Entscheidungsexperten sein? Dann frage ich mich warum es mir so schwer fällt.

Eine Entscheidung treffen bedeutet nicht nur eine Entscheidung treffen. Hinter einer Entscheidung stehen so viele Dinge für die man sich dann eben nicht entscheidet.

Ich beschäftige mich gerade mit Möbeln und stelle fest: nein, man kann nicht einfach einen Esszimmerstuhl kaufen. Da hängt eine Reihe an qualvollen Entscheidungen dran.

1. Passt der Stuhl zum Tisch?

2. Wie wird der Boden aussehen?

3. Wollte ich Tapete oder die Wände weiß lassen oder das Mauerwerk dahinter freilegen? Vielleicht nur Putz?

3. a) Ahh Tapete, gibt es in beige, blau, blaugrau, taubenblau, taubenblau mit gold, taubenblau mit gold und beige - Moment zwischen Ess- und Wohnzimmer ist keine Trennung. Wird das dann nicht alles zu viel? Ok, erst einmal weitermachen mit den Esszimmerstühlen...

4. Ich brauche vier Stühle - passen die in mein Budget?

5. Für welches Geschirr habe ich mich noch einmal entschieden?

6. Ah, ja, den Stuhl nehme ich - oder?

7. Seit wann kosten Stühle so viel wie drei Wochen Urlaub?

8. Moment sind Essstühle nicht überbewertet? Und Esstische? Und Essen?

7. Am nächsten Tag: scheiß drauf, ich nehm den Stuhl!

Möhp ausverkauft...

Ungefähr so läuft es ab, wenn ich Esszimmerstühle kaufen möchte. Einen verdammten Stuhl! Ich weiß, dass ich eine zeitlang weniger Entscheidungen treffen und mich festlegen musste und ich habe es so sehr genossen! Es ist, als würde das gerade nun alles mit doppelter Wucht zurückkommen - plus Entscheidungszinsen.

Und wer hätte es gedacht, bei Männern geht es mir nicht anders. Ich will nun nicht sagen, dass Möbel kaufen und Dating auf einer Stufe stehen. Möbel haben keine Gefühle. Dafür schnarchen sie dir nachts aber auch nicht ins Ohr und hast du schon mal von Esszimmerstühlen gehört, die sich alle paar Tage an einen neuen Esstisch ranmachen? Eben.

Aber so wie es verschiedene Stühle gibt, gibt es auch verschiedene Männer. Es gibt Männer, die sind wie diese schrecklichen Plastik Klappstühle, die mal kurz für eine Party hervorgekramt werden, aber du weißt schon von Anfang an, dass sie nicht lange halten. Ein ONStuhl sozusagen. Dann gibt es Saisonmöbel. Die werden nach dem Sommer weggeräumt. Dann gibt es noch Esszimmerstühle oder oh mein Gott die Sessel.

Spätestens bei den Sesseln geht sie los, die Fahrt in meinem Gedankenkarussell! Passt der zu mir? Fühle ich mit mit ihm wohl? Passt er zu meiner bisherigen Einrichtung? Wird er lange halten? Ich meine, ich gehöre wirklich nicht zu den Leuten die ein Möbelstück entsorgen, nur weil es mal einen Kratzer oder eine Delle hat. Ich wähle sehr vorsichtig - und das schon allein auf Grund der ganzen Entscheidungsmisere. Nun gut, nicht immer. Was ich mir bei dem grauen Daybed gedacht habe, ist mir schleierhaft. Am Anfang dachte ich noch, dass es gut aussieht und nur nicht wirklich bequem ist. Ein bisschen wie ein heißer Typ, der ein bisschen dusselig ist...der kostet aber auch keine paar Hundert Euro, es sei denn.... wow, ist mein Daybed das Escort der Möbelstücke?

Mein Herz sagt ja, weil diese Möbelstück so perfekt zu passen scheinen und mein Kopf brüllt: "Moment! Bevor wir hier noch ein Möbelstück anschaffen, lass uns das mal genau unter die Lupe nehmen! Bist du überhaupt bereit für neue Möbelstücke? Du bist doch ganz gut zurechtgekommen? Und bist du dir wirklich sicher, dass es jetzt dieser Sessel sein soll?" Dann ruft mein Bauch: "Ja, verdammt genau diesen Sessel! Ich habe ihn ausprobiert und er war fantastisch und ich stelle mir vor wie wir Sonntag Abend gemeinsam verbringen. Er und ich mit Tee und Buch! Oder zusammen frühstücken nur in einem Satinnachthemd mit passendem Bademantel!"Und dann ruft mein Kopf: "Ja, aber du kannst nicht einfach so ein Möbelstück kaufen, das hast du dann länger, das ist dir schon klar? Man kauft nicht einfach Sessel und dann tauscht man sie wieder um! Die behält man dann ein paar Jahre. Du musst den auch mitnehmen, wenn du umziehst! Und denke ja nicht dran dir dann noch einen zweiten Sessel zu holen so etwas macht man nicht - es gibt nur einen! Wir wollen hier keinen Sesselharem!" Aber mein Bauch brüllt: "Nein, dieser Sessel ist zeitlos! Der passt perfekt zu meiner bisherigen Einrichtung und auch wenn ich umziehe, dann werde ich ihn problemlos mitnehmen können!"

"So so", sagt mein Kopf dann. "Erinnerst du dich noch, als du dir das letztes Mal an dem Sessel den kleinen Zeh gestoßen hast? Hat weh getan oder?""Ja, ich erinnere mich", sagt mein Bauch "Aber das ist ok, ich bin bereit für eine neue Einrichtung! Wirklich!" -"Du kannst doch nicht einmal eine Nacht mit einem Möbelstück verbringen?" - "Ja, ich weiß. Aber man will ja den neuen Sessel auch nicht gleich durchlegen!"

Vielleicht sollte ich mir anstatt Möbel einen Entscheidungsratgeber kaufen. Wenn es mehrere sind, dann kann ich sie zur Not auch übereinanderstapen und mir daraus einen Esszimmerstuhl bauen.

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